Anna

So weit weg und doch so nah.
Frau ohne Gesicht.
Ich weiß, du bist da.
Und heute ganz besonders, aberdasweißtdulängstundwahrscheinlichlachstduwenndudieVerwirrunginmeinenAugensiehst ….

Verzerrt

Manchmal sieht man vieles verzerrt nur und dennoch auf einmal ganz klar.
Es ist eine Frage der Sichtweise, des Blickwinkels.
An jenen „verzerrten“ Tagen treibt sie die schönsten Blüten, die Fantasie.
Verrückt?
Nein, nur verzerrt …

Nach einer Vorlage von (c) Andrea Oberdorfer. 
 Danke, Andrea, für deine vielen wundervollen Leihgaben.

Ligurische Träume

„Was hältst du vom Winter in Ligurien?“, fragt er und nippt an seiner Espressotasse.
„Viel“, meint sie schläfrig und blickt den Wolken hinterher.
„Ist ganz easy“, fährt er eifrig fort. „Wir machen die Bude hier dicht, laden das Auto bis zum Anschlag voll mit Klamotten und Büchern und mieten uns an der Küste in einem verwinkelten Städtchen eine Wohnung mit Dachterrasse und Blick aufs Meer. Für drei, vier Monate oder so.“
Hm. Die Gedanken gehen auf die Reise. Sie schließt die Augen und  … wusch … sitzt sie auf dem Dach eines alten, vierstöckigen, ockerfarbenen ligurischen Hauses am Ende einer romantisch engen Gasse, hört fröhliche, gut gelaunte Rufe vom nahen Marktplatz und Eros Ramazotti aus der Trattoria nebenan, riecht das Meer und frischen Fisch, spürt die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Nase und … seufzt. Urlaub! Endlich wieder einmal ein langer Urlaub mit viel Ruhe, Flair und Genuss und ganz ohne Arbeit. Herrlich!
„Eine wundervolle Idee“, freut sie sich. Sie sieht ihn liebevoll an, haucht: „Danke.“
Er strahlt. „Ja, nicht? Stell dir vor, wie toll und kreativ wir dort arbeiten werden und …“
Arbeiten? Sie erwacht, blickt auf die Uhr, steht auf, ruft ihm im ein „Danke für den Espresso“ zu und hastet davon. Ihre Schultern hängen noch ein wenig tiefer als sonst …

 

Mein Freund TODO

„Ohne Ordnung geht gar nichts, schon gar nicht in der Kunst“, sagt er und nimmt sich vor, noch heute den Kruscht in seinem Arbeitszimmer – und in seinem Kopf – aufzuräumen.
„Mit Ordnung geht gar nichts, schon gar nicht in der Kunst“, sagt sie und fegt mit der Hand über das Zettelchaos auf ihrem Schreibtisch. Wie kleine Papierfliegerchen schweben sie durch die Luft und landen sacht überall im Raum auf dem Boden.
Sie lächelt und macht sich daran, die Zettelchen, eines nach dem anderen, aufzuheben und mit ihnen einen Turm zu bauen. Ein Türmchen. Ein Zettel-, Ideen-, Termine-, Pflichtentürmchen.
Und der Todo, der lacht.

Wer Todo ist?
Er trat in einem Blogeintrag vom letzten Herbst in unser Leben … und hiermit schleicht er sich nun klammheimlich leise auch in diesen Blog ein:

Der TODO

„Keine Chance hat er heute bei mir, der Todo“, sage ich beim Frühstück und lächele. „Ich muss nur noch rasch dies und jenes und das erledigen, dann werde ich ihn für dieses Wochenende zum Teufel schicken.“ Ihn, den Todo.
Sage ich und erledige noch rasch dies und jenes und das und noch 1,2,3,4,5 oder mehr Kleinigkeiten mehr.
„Nun geh, Todo!“, bitte ich ihn gegen Nachmittag. „Wir haben Wochenende und frei.“
„Frei?“, fragt er mich und schaut mich mit diesen strengen Blicken an, die sich wie juckende Pfeile in meinen Körper bohren.
Ich kratze mich dezent und suche nach einer Waffe, mit der ich ihn ähnlich wie mit einer Fliegenklatsche zum Schweigen bringen kann. Die Kuscheldecke tut es in dem Falle auch. Ich breite sie über Todo und seine Werkzeug-Utensilien und sage: „Ätsch!“
„Ätsch!“, hallt es unter der Decke hervor. Es hallt nur leise.
Dann ist Ruhe und ich blicke fröhlich aus dem Fenster.
Die Sonne hat den Morgennebel vertrieben, der Himmel ist blau, die Bäume schimmern rot, gelb, golden braun.
Welt, ich komme!
„Warum liegt die Decke über deinem Schreibtisch?“, fragt der Musikmann in diesem Augenblick.
„Todo schläft“, antworte ich und grinse. „Er braucht eine Pause, der lästige Kerl.“
„Was für’n Kerl?“ Der Musikmann sieht mich misstrauisch an, ballt unmerklich die Fäuste und blickt sich im Zimmer um. Einen fremden Kerl aber sieht er nicht. Kann er auch nicht. Den habe ich ja unter der Decke begraben.
In dem Augenblick bimmelt das Handy. Es liegt bei Todo unter der Decke.
Ich zögere, die Neugier siegt … und Todo ist wieder frei.
Und wie frei er ist! Mit nichts mehr ist er zu bändigen und schon gar nicht will er sich noch einmal unter eine Decke oder sonst wohin verbannen lassen.
Geht auch nicht. Nach dem Telefonat nämlich sitze ich neben dem grinsenden Todo sinnend am Schreibtisch und schreibe eine neue Liste für die nächsten Tage. Überschrift: „To do“!

Ein fröhliches, entspannendes Wochenende wünsche ich Euch – ohne Todo. Der nämlich lümmelt nun auf meiner Schulter und … schnarcht.

Alt ist hässlich?

Das Schreiben ist ein immerwährender Kampf auch gegen das Denken in Einbahnstraßen, in Klischées.
Jung ist hübsch und niedlich und süß und überhaupt. Alt ist hässlich und basta!
Sagt das Klischée.
Gut, man kann dagegen angehen, aber als ich heute in einer Kinderstory eine Hexe (eine dunkle, schwarze) verhübschte, ja, da war die Story auf einmal nicht mehr DIE Story, die ich schreiben wollte bzw. musste. In einer gruseligen Hexenstory hat eine Hexe eben hässlich zu sein und alt. Sagt wer? Das Klischée. Wer sonst?

Im ‚Klischéeschreiben“ wäre diese verwelkte Dahlie längst im Mülleimer oder auf dem Kompost gelandet. Im normalen Alltag auch. Und niemand erhielte die Chance, die Schönheit ihres Alters wahrzunehmen. Und sie ist, finde ich, wunderschön. Jetzt. So … wie … sie … ist…
Ein kleines groß(artig)es Kunstwerk.

 

 

Freiheit

Das Ende des Sommers.
Gute Laune
trotz Hitze und Trockenheit.
Flirrend der Asphalt der Straße,
die sich als blau-silbernes Band
durch das karge Land der Garrigue schraubt
und sie der Zukunft entgegen bringt.
Meter für Meter fort
aus dem „Niemals mehr“
zum „Jetzt oder Nie“.
Neuanfang.
Die Tür hinter ihr
ist verschlossen.
Doch das wissen sie
– noch –
nicht.